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Review: Pokémon Legenden: Arceus

geschrieben von Stephan am 2022-02-07 23:12:45

Ein neues Pokémon-Spiel ist erschienen: Am 28. Januar 2022 kam Pokémon Legenden: Arceus für die Switch heraus - ein Spiel, das die Fan-Gemeinde spaltet wie kaum ein anderes. Aber beginnen wir am Anfang ...

Denn auch das Spiel beginnt ziemlich am Anfang. Euer Protagonist wurde nämlich infolge einer Raum-Zeit-Verzerrung in die Vergangenheit gezogen und landet in der so genannten Hisui-Region, wobei es sich um ein frühes Sinnoh vor ungefähr 300 Jahren handelt. Nachdem ihr völlig ohne Plan am Strand gelandet seid, findet euch Professor Laven, und nachdem ihr ihm geholfen habt, seine drei entlaufenen Pokémon wieder einzufangen, führt er euch ins alt-japanisch angehauchte Jubeldorf, wo er sich dafür einsetzt, dass ihr - zunächst probeweise - ins Erkundungsteam der Galaktik-Expedition aufgenommen werdet, welche gerade daran arbeiten, den ersten Pokédex zu erstellen - damals noch ganz ohne technisches Gerät, sondern in einer Art Notizblock!

Spielerisch lässt Pokémon Legenden: Arceus durchaus das Gameplay der bisherigen Pokémon-Editionen durchschimmern, macht aber doch vieles neu und anders: Man merkt sehr deutlich, dass die Region noch neu und unerforscht ist, und auch die Pokémon noch nicht an Menschen gewöhnt sind. Die Menschen in Jubeldorf - wobei es sich um eine von nur drei Siedlungen im ganzen Land handelt - haben größtenteils Angst vor den Pokémon, und manche haben sogar Angst vor euch. Die ungebändigten Pokémon in der Wildnis dagegen fackeln nicht lange herum, sondern greifen durchaus auch in Rudeln an - und warten auch nicht, bis ihr eure eigenen Pokémon in den Kampf geschickt habt, sondern greifen problemlos auch euch als Menschen an. Noch nie war es gefährlicher, sich in der Wildnis einer Pokémon-Region zu bewegen!

Wie gesagt, ist euer Hauptziel das Füllen des ersten Pokédex. Da die Pokémon aber noch gänzlich unerforscht sind, reicht es nicht nur, die Pokémon zu fangen, ihr müsst sie von Grund auf neu erforschen. Dazu müsst ihr beispielsweise beobachten, wie sie bestimmte Attacken einsetzen, sie selbst mit bestimmmten Attackentypen angreifen oder herausfinden, wie sie auf bestimmte Items reagieren. Obwohl die Artenvielfalt im Spiel mit nur 238 + 4 Exemplaren gar nicht mal so groß ist, seid ihr auf diese Weise doch sehr lange beschäftigt.

Screenshot aus okémon Legenden: Arceus
Abenteuerlustige Truppe: Mein Team und ich vor dem Galaktik-Gebäude in Jubeldorf

Doch nicht nur die Pokémon selbst sind noch unerforscht, auch die gesamte Infrastruktur ist bestenfalls im Aufbau. Befestigte Wege findet ihr außerhalb von Jubeldorf nahezu überhaupt nicht. Ihr könnt auch nicht darauf bauen, dass ihr hinter der nächsten Ecke die rettende Stadt mit Pokémon Center und Supermarkt erreicht, denn wie gesagt, Städte gibt es noch keine. Zwar könnt ihr an bestimmten Punkten so genannte Basiscamps errichten lassen, an denen ihr dann rasten und Items sowie Pokémon verwalten könnt, doch auch das Errichten der Basiscamps ist oft noch an Bedingungen geknüpft - das reine Erreichen des Zielpunktes reicht allenfalls noch in der Frühphase des Spiels.

Zwar gibt es in Jubeldorf (und in Form fahrender Händler auch in den Basiscamps) durchaus bereits einen kleinen Laden, der Pokébälle, Tränke und ähnliches verkauft, doch eine bessere Auswahl an Items müsst ihr euch hier erst erarbeiten. Vorbei sind also die Zeiten, wo ihr euch sicher sein konntet, dass es z.B. ab dem 4. Orden Hyperbälle zu kaufen gibt - ganz abgesehen davon, dass es weder Orden noch Arenen gibt! Neu ist außerdem die Möglichkeit, aus Materialien, die ihr in der Wildnis gesammelt habt, selbst Items wie Pokébälle zu craften. Das ist sehr sinnvoll, denn an Geld, um das Zeug im Laden zu kaufen, wird es euch nahezu immer mangeln. Immerhin gibt es keine Trainer, die ihr im Kampf besiegen könnt und dafür Geld erhaltet. Lediglich der Professor lässt ein paar Pokédollar für neue oder erweiterte Pokédex-Einträge springen, doch er ist dabei mehr als knauserig.

Als Pokémon Legenden: Arceus im Februar 2021 zum 25-jährigen Franchise-Jubiläum erstmals angekündigt wurde, machte es einen Eindruck, als würde euch eine richtige offene Spielwelt erwarten. Das ist so leider nicht ganz richtig, aber beinahe. Tatsächlich ist die Hisui-Region aufgeteilt auf fünf sehr weitläufige Gebiete, die durchaus zur Erkundung einladen und euch lange beschäftigen. Lediglich das nahtlose Reisen zwischen den Gebieten ist nicht möglich, ihr werdet also irgendwo auf eine unüberwindbare Grenze stoßen - dann müsst ihr zurück nach Jubeldorf reisen und vor dort aus ein neues Gebiet ansteuern. Während man in Zelda: Breath of the Wild durchaus "problemlos" als halb nackter Jungspund ohne Ausrüstung direkt vom Startpunkt zum finalen Bosskampf vor preschen konnte, ist es also in Pokémon Legenden: Arceus gar nicht möglich, direkt vom Startpunkt auf den Kraterberg zu stürmen und nach wenigen Spielminuten bereits Dialga und Palkia herauszufordern.

Screenshot aus okémon Legenden: Arceus
Hisui ist groß, aber nicht grenzenlos: Obwohl wir scheinbar zielstrebig auf den Kraterberg zufliegen, werden wir ihn nicht so leicht erreichen können.

Jedes der fünf Teilgebiete von Hisui beherbergt außerdem ein besonders mächtiges Pokémon - die Menschen bezeichnen es als König, dieses Pokémon herrscht und wacht über das Gebiet. Durch die gleiche Raum-Zeit-Verzerrung, durch die auch ihr hier gelandet seid, sind die Könige allerdings in Rage geraten, und ihr erhaltet - neben der Komplettierung des Pokédex - auch den Auftrag, die Könige wieder zu besänftigen. Dabei erwarten euch dann aber keine normalen Pokémon-Kämpfe, sondern ihr müsst den Königen ihre Lieblingsnahrung zuwerfen, während sie herumwüten und alles um sich herum zu Kleinholz machen. Boss Battles dieser Machart kannte man in Pokémon-Spielen bislang noch gar nicht, es ist aber mal was erfrischend anderes - und wird genau in der richtigen Dosierung eingesetzt, nicht zu oft und nicht zu selten.

Auch bei den wilden Pokémon in der freien Natur müsst ihr übrigens nicht zwingend auf herkömmliche Kämpfe zurückgreifen. Wie bereits erwähnt, haben die Pokémon kein Problem damit, auch euch als Menschen anzugreifen. Den Spieß könnt ihr aber auch umdrehen, indem ihr euch etwa im hohen Gras anschleicht oder das Pokémon mit Beeren ablenkt, um ihm anschließend von hinten einen Pokéball in den Rücken zu pfeffern - ganz ohne Kampf!

Und weil ihr nicht zwingend Pokémon einsetzen müsst, um in der Spielwelt voranzukommen, heißt das auch, dass ihr nicht gleich K.O. geht, nur weil euer letztes Team-Pokémon besiegt wurde. Ihr könnt dann durchaus schnell einen Beleber einsetzen (sofern vorhanden) oder einfach die Beine in die Hand nehmen und flüchten. Solltet ihr es aber doch mal nicht schnell genug aus dem Gefahrenbereich schaffen und von einem wilden Pokémon umgenietet werden, ja, denn geht ihr wirklich K.O. - ihr erwacht dann wieder im letzten Basiscamp, habt dann allerdings einen Teil eures Beutelinhalts verloren. Das ist der Punkt, wo Pokémon Legenden: Arceus auch Spieler-übergreifend interessant wird, denn selbst könnt ihr eure verlorenen Items nicht wiederfinden. Ihr findet aber überall in der Spielwelt die verlorenen Items anderer Spieler, und dafür, dass ihr diese aufsammelt, erhaltet ihr Belohnungspunkte, die ihr wiederum gegen richtig seltene Items wie etwa Entwicklungssteine eintauschen könnt. Und wenn ihr Glück habt, dann findet ein anderer Spieler wiederum eure Items und schickt sie euch zu.

Kämpft ihr doch mal, habt ihr auch hier neue Möglichkeiten. Neu ist erstmal, dass Pokémon - je nach Geschwindigkeit - durchaus zwei bis drei Mal hintereinander angreifen können, bevor der Gegner nur einmal zum Zug kommt. Ihr habt allerdings die Möglichkeit, Attacken wahlweise auch in einer Kraft- bzw. einer Tempo-Technik auszuführen. Mit der Kraft-Technik wird die Attacke stärker, eure Geschwindigkeit sinkt allerdings, was im Klartext heißt, dass der Gegner noch öfter angreifen darf. Mit der Tempo-Technik ist es genau anders herum: Ihr erhöht eure Geschwindigkeit, um selbst schneller zu werden, doch die Attacke wird dafür schwächer.

Screenshot aus okémon Legenden: Arceus
Finaler Showdown der Hauptstory: Dialga (oder Palkia, je nach Wahl im vorherigen Spielverlauf) bittet zum Duell!

Habt ihr letztlich den Pokédex weit genug gefüllt, euren Mitgliedsrang bei der Galaktik-Expedition weit genug erhöht und alle fünf Könige erfolgreich besänftigt, dann geht alles auf das große Finale der Hauptstory zu und die Ereignisse beginnen, sich zu überschlagen. Es nimmt seinen Anfang damit, dass die Raum-Zeit-Verzerrung über dem Kraterberg unerwartet explodiert und plötzlich die gesamte Hisui-Region abdeckt. Wie allerdings eure Forschungskollegen und die Dorfbewohner darauf reagieren, das ist zwar nachvollziehbar, aber doch unerwartet, und deshalb spoilere ich diese krasse Wendung in der Story bewusst nicht. Nur so viel: Freut euch drauf, denn einen epischeren Plot Twist hatte bisher noch kein Pokémon-Spiel! Ich persönlich hatte diesen Punkt übrigens nach etwa 18 Spielstunden erreicht, aber ich denke, ich habe ziemlich schnell gespielt - mit der Quittung, dass ich auch teilweise unterlevelt war und dadurch sehr harte Kämpfe vor mir hatte. Ihr könnt also mit gut und gerne 20 bis 30 Stunden für die Hauptstory rechnen. Danach habt ihr dann zwar das Ending gesehen, seid aber noch lange nicht fertig, denn es schließt sich noch eine Post-Game-Story mit einem Umfang von 5 bis 10 Stunden an, die sich primär um die legendären Pokémon der Hisui-Region dreht. Und danach will ja immer noch der Pokédex zu 100% komplettiert werden!

Apropos Pokédex, apropos Artenvielfalt: Selbst eine Handvoll brandneuer Pokémon tauchen im Spiel auf! Die allermeisten von ihnen sind bislang unbekannte Weiterentwicklungen älterer Pokémon. Bereits aus Trailern ist beispielsweise bekannt, dass sich der Hirsch Damhirplex aus der 2. Generation nun zu dem viel älter und erfahrener wirkenden Damythir entwickeln kann. Der erste König im Storyvelauf ist Axantor, eine alternative Entwicklung für Sichlor, wobei die Sicheln scharfen Äxten weichen. Insgesamt wächst der Nationaldex so auf 905 Pokémon an, doch damit nicht genug, haben einige Pokémon auch neue, bislang unbekannte Hisui-Formen - bereits in frühen Trailern wurde etwa Hisui-Washakwil gezeigt, mit dem ihr im späteren Spielverlauf auch selbst elegant durch die Lüfte gleiten dürft.

Ja, und das klingt ja nun so weit eigentlich alles richtig schön, doch Pokémon Legenden: Arceus hat leider auch einen ganz gewaltigen Kritikpunkt, und das ist die Grafik. Es ist natürlich richtig, dass bei Nintendo im Allgemeinen und bei Pokémon im Speziellen schon immer Spielspaß wichtiger als Technik war. Die Community im Internet rupft Pokémon Legenden: Arceus allerdings regelrecht auseinander und lässt an der optischen Präsentation nicht ein gutes Haar. Meine persönliche Meinung: Ja, ich sehe auch, dass absolut noch viel Luft nach oben ist. Der lila Schimmer auf manchen Texturen wirkt sehr deplatziert, und vor allem, wenn ich auf Washakwil schnell und mit Überblick unterwegs bin, wirken manche Landstriche doch etwas karg. Auch kommt es manchmal vor, dass Bäume oder Berge erst plötzlich aufploppen, weil die Switch einfach zu langsam geladen hat. Aber: Diese Kritikpunkte kann ich gut ausblenden, wenn mich gerade die Pokémon-Jagd fesselt, und so lange ich am Boden zu Fuß unterwegs bin, fallen mir die meisten dieser Dinge gar nicht auf. Im Gegenteil finde ich auch die schönen Seiten an der Optik. Es gibt genügend Punkte in Hisui, die eine phänomelane Aussicht zu bieten haben - vor allem etwa in den östlichen Küstengebieten mit Blick auf einen Vulkan. Auch Jubeldorf in seinem alt-japanischen Stil gefällt mir sehr gut, und ich mag vor allem so kleine Details, wie etwa das metallene Galar-Smogmog, das als Kamin an der Fassade des Galaktik-Gebäudes hängt. Während viele der Kommentare im Netz für mich so klingen, als wäre die Grafik ein Totalausfall, finde ich sie durchaus in Ordnung - es gibt definitiv Verbesserungsbedarf, das ist unbestritten, aber für mich ist die Grafik zumindest noch gutes Mittelmaß. In Schulnoten würde ich zwar keine 1 geben, aber auch definitiv keine 6, sondern wahrscheinlich eine 3. Das ist meine Meinung, und wenn ihr anderer Meinung seid, weil ihr andere Referenzen kennt oder generell Grafik anders gewichtet, dann ist das eure Meinung, die ich durchaus anerkenne, aber nicht teile. Ganz sicher einigen können wir uns nur darauf, dass die Grafik eben nicht perfekt ist, das Gameplay dafür aber sehr gut.

Screenshot aus okémon Legenden: Arceus
Ihr könnt über die Grafik sagen, was ihr wollt, aber es gibt auch Ecken in Hisui, die mir sehr gut gefallen, etwa dieser Blick übers Meer auf die Feuerspei-Insel.

Würde ich abschließend Pokémon Legenden: Arceus empfehlen? Klares "ja"! Wie gesagt, bei der Grafik müsst ihr Abstriche machen, und wie wichtig euch die Grafik ist, könnt ihr nur für euch selbst entscheiden. Rein aufs Gameplay betrachtet macht Pokémon Legenden: Arceus aber vieles richtig und bringt massiv frischen Wind ins Franchise. Einige der Änderungen, die das Spiel einführt, dürfen in Zukunft auch gerne in neue Haupt-Editionen übernommen werden. Neu ist beispielsweise, dass sich ein Pokémon nicht mehr automatisch beim Erreichen eines bestimmten Levels entwickelt - ihr erhaltet dann lediglich eine Meldung, dass das Pokémon zur Entwicklung bereit ist, und könnt die Entwicklung aus dem Menü heraus jederzeit auslösen - oder eben nicht! Solche und ähnliche kleine Verbesserungen werten das altbekannte Pokémon-Spielprinzip ungemein auf und machen Pokémon Legenden: Arceus für mich zu einem der besten Pokémon-Spiele der letzten Jahre - ungeachtet der Grafik! ^^


Bildnachweis: Alle Screenshots in diesem Artikel sind selbst erstellt. Das Copyright liegt bei den Rechteinhabern der jeweiligen Spiele.
Pokémon: © Nintendo, Creatures Inc., GAME FREAK inc.

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Erstellt am 11.01.2021 • Letzte Änderung: 12.01.2021 • ImpressumDatenschutzCookie-EinstellungenNach oben