BAYMAX

"Baymax" ist der 54. abendfüllende Trickfilm aus den Disney-Studios und basiert lose auf der Marvel-Comicreihe "Big Hero 6" - diesen Titel trägt auch der Film im englischen Original, bei uns wurde er aber nach dem Hauptcharakter umbenannt. Seine Weltpremiere feierte der Film am 23. Oktober 2014 auf dem Tokyo International Film Festival, der offizielle deutsche Kinostart folgte am 22. Januar 2015.

Superhelden-Comics, ob nun von Marvel oder sonst einem Verlag, haben mich nie sonderlich angesprochen. Somit habe ich mir Baymax lediglich in meiner Funktion als Disney-Fan angesehen und wusste nicht so genau, was mich eigentlich erwarten würde. Vorab hatte ich gelesen, dass Baymax bei Jungs wohl einen ähnlichen Hype auslösen würde, wie im Vorjahr "Die Eiskönigin" bei den Mädchen - und "Die Eiskönigin" fand ich eigentlich ganz gut, aber ich mochte Disneys Märchen-Verfilmungen ja schon immer. "Baymax" ist nun aber kein Märchen, sondern ein Superhelden-Comic ... aber warten wir mal ab, was kommt!

Nun, langer Rede kurzer Sinn: Ich wurde sehr positiv überrascht! Das kann mit daran liegen, dass ich bekanntlich auch Anime-Freak bin, und vom Stil her erinnert "Baymax" durchaus ein wenig an einen Anime - sowohl optisch als auch von Story her. Baymax selbst hat ein bisschen was von Totoro: Es ist riesengroß, aber trotzdem knuddelig und von Grund auf gutherzig. Diesen "Mein Nachbar Totoro"-Tortenboden bestreiche man großzügig mit einer dicken Schicht "Medabots", der zwei gehäufte Esslöffel "Power Rangers" und eine winzige Prise "Pokémon" beigemischt wurden. Nach dem Backen wird das Ganze mit einer saftigen "Portal"-Kirsche garniert - fertig! ^^

Die Geschichte spielt in San Fransokyo, eine Mischung aus Tokyo und San Francisco. Die Comic-Vorlage ist ausschließlich in Tokyo angesiedelt, aber so erhält das Ganze einen etwas fiktiveren Touch, und die Amis setzen ihren Willen durch, überall zumindest ein bisschen USA-Flair beizumischen. Nichtsdestotrotz überwiegt der Tokyo-Anteil deutlich! Das merkt man nicht nur optisch: Die paar verbleibenden San Francisco-Elemente wurden merklich asiatisiert, die Brückenpfeiler der Golden Gate Bridge erinnern an fernöstliche Torbögen, die Cable Cars sehen ein bisschen nach fahrenden japanischen Tempeln aus. Auch die Namen (mit Ausnahme von Baymax selbst) klingen durchweg Japanisch, und das fängt schon bei der menschlichen Hauptfigur an: Hiro Hamada ist ein 14-jähriger kleiner Tüftler, der gegen den Willen seiner Tante an Roboter-Kämpfen mit selbst gebauten Robotern teilnimmt. Hiros großer Bruder Tadashi verschleppt ihn eines Tages unter einem Vorwand in seine Uni, um ihm den Roboter zu zeigen, an dem er selbst seit Monaten arbeitet: Baymax! Er sieht aus wie ein übergroßer Marshmallow und ist nicht zum Kämpfen gebaut, sondern zum Heilen - ein Medizin-Roboter, der das Gesundheitswesen revolutionieren soll. Von Baymax beeindruckt, beschließsst Hiro, dass er auch an diese Uni will, und wie er bald erfährt, ist sein zartes Alter kein Hinderungsgrund, wenn er nur eine beeindruckende Erfindung vorweisen kann. In den nächsten Nächten legt sich Hiro ins Zeug und entwickelt die Microbots, winzige Miniatur-Roboter, die durch Masse erst Klasse werden: Ein einzelner Microbot ist schwach, doch zu Tausenden können sie sich - gedankengesteuert durch ihren Besitzer - immer wieder neu formatieren und jede Aufgabe lösen. Das Publikum ist beeindruckt von der Präsentation, Hiro hat sofort seine Uni-Zulassung in der Tasche, und der Präsident der Firma Krei Tech will die Microbots kaufen - dass Hiro ablehnt, scheint dem Mann, der als skrupellos gilt, ganz und gar nicht zu passen, und so ist spätestens an dieser Stelle klar: Den haben wir nicht zum letzten Mal gesehen!

Wenig später kommt es zu einem Brand, bei dem Tadashi ums Leben kommt. Hiro schmerzt der Verlust seines Bruders sehr, so dass er sich zu gar nichts mehr aufraffen kann und nicht einmal mehr die Uni besucht. Eher durch Zufall reaktiviert Hiro eines Tages Baymax, doch auch die große Erfindung seines großen Bruders kann den Jungen nicht aufheitern. Das ändert sich schlagartig, als Hiros letzter verbleibender Microbot plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Der klitzekleine Roboter versucht, auszureißen, und für Hiro ist der Fall klar: Er will zu seinen Kollegen! Eigentlich dachte Hiro, alle Microbots (bis auf den einen) seien in dem Feuer zerstört worden, doch offenbar hat sie jemand nachgebaut. Sollte am Ende die Firma Krei Tech dahinter stecken? Hiro baut Baymax kurzerhand zu einem Kampf-Roboter um und macht sich mit ihm auf den Weg, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Wie eingangs bereits erwähnt, basiert "Baymax" lose auf der Marvel-Comicreihe "Big Hero 6". Obwohl viele Marvel-Comics - dazu zählen auch "Spider-Man", "X-Men" oder "Die Fantastischen Vier" - in Deutschland erscheinen (meist bei Panini), scheint die Original-"Baymax"-Geschichte bislang noch nicht auf Deutsch vorzuliegen. In den USA erschienen diese ab 1998 in der 3-teiligen Mini-Serie "Sunfire & Big Hero 6". Später gab es noch eine 5-teilige Fortsetzung, die nun nur noch "Big Hero 6" hieß - diese Fortsetzung wurde dann auch in Form eines Sammelbandes nachgedruckt, doch die Ursprungsgeschichte ist nur in den Originalheften zu bekommen. Eine Neuauflage anlässlich des Films ist bislang ebenso wenig angekündigt wie eine deutsche Übersetzung, deshalb wird es für neue Baymax-Fans schwierig, die Ursprünge des knuddeligen Roboters selbst nachzulesen.

Denn eins ist sicher: Wer den Disney-Film mochte, für den könnte der Marvel-Comic historisch interessant sein, er könnte aber auch schockiert sein. Das beginnt schon damit, dass Baymax im Original nicht wie ein knuddeliger Riesen-Marshmallow aussieht, sondern wie eine große grüne Echse. Ein Roboter ist er trotzdem, gebaut wurde er aber von Hiro selbst als Ersatz für seinen verstorbenen Vaters - Hiros großer Bruder Tadashi hingegen existiert im Comic nicht.

"Baymax" ist übrigens nicht Disneys erste Begegnung mit Marvel, im Gegenteil: Bereits 2009 wurde bekannt, dass Disney die Marvel-Studios übernehmen würde, ein Studio, das sich auf die Verfilmung von Marvel-Comics spezialisiert hat. Dadurch konnte Disney erst vor wenigen Monaten mit "Guardians of the Galaxy" eine Real-Verfilmung des gleichnamigen Marvel-Comic in die Kinos bringen. Unter anderem auf diesem Film basiert auch das durch NFC-Figuren getragene Videospiel "Disney Infinity 2" mit dem passenden Untertitel Marvel Super Heroes (für das es inzwischen natürlich auch schon eine Baymax-Figur gibt). Auch im Zeichentrick-Programm hat Disney die Marvel-Lizenz bereits genutzt: Von "Phineas und Ferb" gibt es die Special-Folge "Mission Marvel", in der viele wichtige Marvel-Helden einen Auftritt haben, und die auch im deutschen Disney Channel bereits lief.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass man definitiv kein Marvel-Fan sein muss, um "Baymax" zu mögen - im Gegenteil könnte es sogar störend sein, wenn man Marvel-Fan ist, weil einem dann der Disney-Baymax ein paar Stufen zu süß sein könnte. Wer hingegen generell mit Disney-Zeichentrickfilmen etwas anfangen kann, der ist bei "Baymax" genau richtig, wobei es von Vorteil sein dürfte, wenn man zudem etwas für Anime-Flair übrig hat. Die Story ist zwar keine Weltneuheit, hat aber einen guten Mittelweg zwischen Action, Humor und Herzlichkeit gefunden. Für Japan-Begeisterte gibt es in San Fransokyo ein paar nette Details zu entdecken, so dass ich "Baymax" unterm Strich durchaus weiter empfehlen würde.


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